Soziale Stigmata die so nicht mehr existieren (dürften)

Flashback in das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends, grob 2004. Viele der Autoren gingen damals noch in die Schule und standen womöglich kurz vor dem Abi. Die Lehrer waren überwiegend in ihren frühen 40 Jahren, mit Rückblick auf eine stetige Verbesserung der pädagogischen Karriereleiter. Gut gekleidet (weil gut entlohnt), mit einem Blick für das Wesentliche. Was ist nicht erwähnt? Die fast komplette Ablehnung von offensichtlichen Tätowierungen. Nun, womöglich hatten auch Lehrer damals bereits erste zaghafte Verschönerungen am eigenen Körper vorgenommen, jedoch stand eine Sache niemals zur Debatte: man sollte es nicht im Unterricht sehen.

Alleine schon der Gedanke, dass die professionelle Gesellschaft noch vor wenigen Jahren so prüde mit dem Gedanken gespielt hat, dass Tattoos und Piercings entschlossen gegen den beruflichen Ethos der Lehrerschaft gingen zeigt auf, dass viele es noch immer nicht verstanden haben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es gibt noch immer keine Beweise dafür, dass Lehrer mit Tinte auf dem Oberarm schlechter in ihrem Job sind, und diese wird es auch nie geben. Mehr noch, es gibt Forschungen aus den Staaten die nahe legen, dass Menschen mit Tattoos oftmals eine gesündere Vorstellung vom Leben haben, einfach weil die Entscheidung langfristig ist und dadurch meist gut durchdacht. Dies sind zudem Dinge, die besonders bei der schulischen Erziehung von Schülern hin zu Erwachsenen nicht zu kurz kommen sollten, denn wer es schafft zu vermitteln, dass man sich für manche Entscheidungen wirklich Zeit lassen sollte macht oft einen richtig guten Job.

Soziale Auswirkungen bedingt durch Tinte auf der Haupt sollte also ein Relikt einer Vergangenheit sein, ist es aber noch immer nicht; zumindest in unseren geografischen Bereichen. Zu denken, dass man auf dem Arbeitsmarkt aufgrund von Körperverschönerungen und Co einen schlechteren Stand hat ist grober Unfug, denn mittlerweile sieht man auch immer mehr Promis und „Influencer“ die sich so darstellen. Zugegeben, auch in der Redaktion ist man sich uneins darüber, wie man mit sehr großen Gesichtstattoos umgehen soll, aber selbst hier sollte man Vorsicht walten lassen (und sich schon mal darauf einstellen, dass die Altersheime in 60 Jahren voll sein werden mit allerlei trägen Gesichtern!).

Es ist also an der Zeit, sich mit einer Gesellschaft vertraut zu machen, bei denen man hinter die Vorurteile blicken darf – Lehrer, Professoren, ja selbst Geistliche sollten nicht an ihren Entscheidungen bezüglich Tattoos be- und verurteilt werden, sondern lediglich an ihrer Kompetenz. Natürlich ist es leicht sich hinzustellen, um zu behaupten, dass Piercings gleichbedeutend mit einer „falschen“ sozialen Klasse und daher Ansehen steht, allerdings haben einige der „besten“ Menschen mittlerweile leicht einsehbare Tattoos, auch Politiker und andere seriöse Menschen sind dabei.

Fraglos sollte man sich vor einem nächsten Termin fragen, ob ein Gesichtstattoo hilfreich ist, wenn man in gewisse Arbeitswelten vordringen möchte – so ist die Serviceindustrie noch immer ein wenig hintendran, was dies betrifft – aber genau wie die Herkunft sollten Körperveränderungen bei der Jobsuche keinen Unterschied ausmachen. Sollten – denn leider ist die Welt noch immer nicht zu 100% da wo sie eigentlich sein kann, nämlich beim Wesentlichen.

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